Jahrhundertelang war die Kasbah von Tamnougalt Herrschaftssitz und Schutzburg für die umliegenden Dörfer. Herrschaftlich, wenn auch vom Verfall bedroht, ist sie heute noch. Nicht nur der bekannte Regisseur Bernardo Bertolucci hat die Schönheit und die Mystik dieses Ortes erkannt. Zahlreiche Filme wurden hier gedreht und es war für keinen schwer, den Zauber Tamnougalts einzufangen. Irrtümlicherweise wird die Kasbah Tamnougalt oft mit ihrer Schwester Taouirt verwechselt, die nur wenige hundert Meter daneben stolz auf einem Hügel thront. Stolz auch darauf, dass sie in dem berühmten Film Der Himmel über der Wüste eine Rolle spielen durfte: die des Fort Bounoura, in welchem der Protagonist stirbt. Abgesehen davon hatte sie keine Funktion. Erst vor 60 Jahren ge-baut und nie vollendet, war sie nicht mehr als ein „Lückenfüller“ im Konkurrenz-kampf zwischen Glawi- und Qa’id-Familien. Nicht so die Kasbah Tamnougalt, die sich inmitten des alten Dorfes befindet. Sie war die erste Kasbah des Drâa-Tals, sie kann auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblicken.
Ein alter Mann, würdig im blauen Anzug, eine Zigarette im Mundwinkel, ansons-ten jedoch zahnlos, erzählt die Geschichte seiner Familie. Er ist der Neffe des vorletzten Qa’ids von Tamnougalt und über 80 Jahre alt. Er freut sich, dass eine Europäerin etwas über seine Familie erfahren möchte und so beginnt er zu erzählen: Weisst Du, sagte er, das ist eine lange Geschichte. Erinnerst Du Dich an Mulay Rachid? Ich frage ihn, ob er damit den Begründer der Alawiden-Dynastie meint, den Vorvater des heutigen Königs, der Mitte des 17. Jahrhunderts die Macht übernahm. Natürlich den, wen denn sonst? Nach einer kurzen Pause, in der ich zweifelnd gemustert werde, ob ich es wohl wirklich wert bin, dass man mir diese Geschichte anvertraut, nimmt der alte Mann den Faden wieder auf:

Rachid war unzufrieden. Jahrelang hatte er das Herrscherhaus be-obachtet und den steten Verfall dessen Macht erkannt. Ihm war klar, dass die Dynastie dem Untergang geweiht war und so beschloss er, dass Schicksal in seine Hände zu nehmen und selbst Sultan zu werden. Das Problem war Ben Micha’il, ein Jude, der immer an der Seite des Sultans war und ihn beschützte. Wenn man die Macht wollte, musste man an Micha’il vorbeikommen - aber wie? Er fragte seinen engsten Vertrauten, Ali Mansur. Ali, ein gewitzter Berber aus dem Rifgebirge, überlegte und ersann einen teuflischen Plan: Micha’il war für seine Gier nach Gold bekannt. Also würde er eine Kiste mit Gold erhalten, die so gross sein sollte, dass darin Ali selbst und zwei weitere Krieger Platz hätten. Die Kiste wurde zu Micha’il gesandt und als dieser sie öffnete, sprangen die Krieger heraus, töteten den Mann und erlangten so die Herrschaft für Rachid. Meuchelmord also, die den ersten Sultan der neuen Dynastie an die Macht brachte, die Geschichte vom trojanischen Pferd. Der alte Mann fragt mich, ob diese Tatsache ein schlechtes Bild auf seine Familie werfe, denn, man ahnt es schon, der mutige Ali Mansur war niemand anderes als der Vorfahr der Familie Ait al-Qa’id, die bis zum heutigen Tag in der Kasbah lebt. Falls doch, so solle ich sie auf keinen Fall erzählen. Ich beteuere ihm, dass dies nicht der einzige Fall gewaltsamer Machterlangung sei und er sich deswegen keine Sorgen zu machen brauche. Er freut sich, denn Ali Mansur war es, der auf diese Weise die Herrschaft der Familie im Drâa-Tal etablierte.
Mulay Rachid hatte aus den Fehlern seiner Vorgänger gelernt. Ein zentral geführter Staat, das hatte die Geschichte bewiesen, liess sich nicht regieren. Also setzte er Verwalter ein, Gouverneure, die in seinem Namen das Land regierten. Als Dank für das, was Ali Mansur mit seinen zwei Brüdern für ihn getan hatte, ernannte er ihn zum Qa’id (arab. Führer, Gouverneur) des Drâa-Tals und liess als dessen Herrschaftssitz die erste Kasbah in Tamnougalt errichten. Und da steht sie noch heute. Sichtlich angeschlagen, aber sie steht. Grossartig das Tor, reich verziert die Innenräume. Jalil, der Grossneffe des alten Mannes, der mir so spannend die Geschichte seiner Familie erzählte, führt mich durch die Burg und erklärt mir ihre Funktionen, denn eine Kasbah war mehr, als nur ein Herr-schaftssitz.

 

Sie war Schutzburg für umliegende Dörfer, die den Stammeskriegen ausgesetzt waren, sie war Versammlungsort für den Dorfrat, Wohnort für die Herrschaftsfamilie und Marktfleck zugleich. Mit einer Fackel führt er mich durch dunkle Gänge von Hof zu Hof, erklärt mir die Architektur des Lehmbaus und erzählt mir viel über die Geschichte des Hauses. Von einer Kasbah gelan-gen wir über die Dächer zur nächsten, denn bald schon wurden mehr und mehr Kasbahs errichtet, zwei davon im selben Dorf, die anderen in Sichtweite der jeweils nächsten. Eine Kette von Kasbahs, die sich, parallel zum Fluss, das Tal entlang bis nach Zagora zieht.

Tamnougalt, was in der Übersetzung so viel bedeutet wie „Ort des Zusammentreffens“, war seit ewigen Zeiten ein wichtiger Marktfleck auf der langen Han-delskarawanenstrasse von Fes nach Timbuktu: Die erste Oase, wenn man - von Marrakesch kommend - die Berge des Hohen Atlas und des Tinififft hinter sich gelassen hatte; die letzte für die Karawanen, die Gold, Elfenbein, Sklaven und Salz vom Süden nach Marrakesch transportierten. Die Kasbahs des Drâa-Tales nördlich Zagoras blieben in den Händen der Nachkommen Alis. Starb ein Qa’id, übernahm - ganz im Sinne Mulay Rachids - der älteste Bruder dessen Funktion. So war es ausgemacht, damals, 1656, als Ali Mansur die Herrschaft im Drâa-Tal übernahm. Denn seine Brüder waren es gewesen, mit deren Hilfe er Ben Micha’il hatte meuchelmorden können. Nur unter der Bedingung, dass es keinen Bruder mehr gibt, darf das Amt an den ältesten Sohn übergeben werden oder - falls es diesen nicht gibt - an den Neffen. Auf diese Weise wurde es bis Mitte der 40 er Jahre dieses Jahrhunderts gehandhabt, als die Familie ihren Titel abgeben musste. Nicht nur das, sie verlor ihren Besitz, ihr Land, ihre Kasbahs und somit ihre Ehre. Schuld daran war das französische Kolonialsystem, oder besser gesagt, der kolaborierende Berberfürst Tami ibn Muhammad al-Maswari al-Glawi.
Betretendes Schweigen, als ich nach diesem Mann frage, dann blitzt Zorn aus den Augen des alten Mannes, der mir so schön die Geschichte seiner Vorfahren erzählt hatte.

 

„Ein Verräter“ zischt er, „nicht wert, dass man sich seiner erinnert“. Natürlich bin auch ich empört, möchte dann aber doch mehr erfahren über diesen Mann, der auch von offizieller Seite Marokkos totgeschwiegen wird. Von den Menschen des Südens erfährt man nicht mehr, als dass die Glawis Verräter waren, Zorn bei der Erwähnung seines Namens. Kramt man aber ein wenig in der Literatur, wird man schnell fündig: Auf ihn gehen prächtige Kasbahs wie die Kasbah Taouirt in Ouarzazate oder Telouet zurück.
Schon im 19. Jahrhundert schaffte es der Berberclan der Glawa, sich durch skrupellose Kämpfe als grösster Grossgrundbesitzer des Südens zu etablieren. Seine Herrschaft war gefürchtet, seine Brutalität bekannt. Während die Berber erbittert gegen die französische Vorherrschaft kämpften, nutzte jener berüchtigte Tami ibn Muhammad die Gunst der Stunde und schloss sich den Franzosen an, die seit 1912 das Land zu ihrem Protektorat erklärt hatten. Spätestens da-mit begann sein Verrat. Seite an Seite mit den Franzosen erkämpfte sich der „Sultan des Südens“, wie er zu dieser Zeit genannt wurde, die Vorherrschaft im Drâa-Tal. Bis Mitte der Vierziger Jahre konnten sich die Qa’ids mit Hilfe der Be-völkerung noch halten, dann wurde der letzte Widerstand gebrochen. Si Ali, der letzte Qa’id von Tamnougalt (welch Ironie des Schicksals, dass der letzte Qa’id denselben Namen trug, wie der erste), musste ins Exil, seine Familienmitglieder wurden aus der Region verbannt, einige wanderten ins Gefängnis.
Heute noch sichtbares Zeugnis dieser Zeit der grossen Konkurrenz zwischen den sultanfreundlichen Qa’ids und den franzosentreuen Glawis sind die zahlreichen Kasbahs, die mit Beginn dieses Jahrhunderts in der Region entstanden. Jede Familie versuchte, mit dem Bau einer Kasbah die andere Familie zu übertrumpfen. Wo eine Qa’id-Kasbah stand, wurde in direkter Nachbarschaft eine Glawi-Kasbah errichtet, exponierte Orte, wie der Hügel bei Tamnougalt wurden durch den Bau einer Kasbah „besetzt“. Nicht nur die wunderschöne Kasbah Taouirt von Tamnougalt besteht fast nur aus den Aussenmauern, viele Kasbahs wurden nie vollendet, waren wie Taouirt auch nur „Lückenfüller“ im Konkurrenz-kampf. Heute zerfallen die Glawi-Kasbahs mehr und mehr, nur wenige werden - im Zeichen eines zunehmenden Tourismus - zögernd restauriert. Das erzählt mir der alte Mann nicht...

 

Der Triumph der Glawi hielt nicht lange an. Schon 1956 musste sich Tami ibn Muhammad ergeben und sich dem Sultan Muhammad V. unterwerfen. Sein Besitz wurde verstaatlicht, seine Familie wanderte nach Frankreich aus. Er selbst starb nur wenige Monate nach seiner Niederlage. Der Untergang des Einen war der Sieg des Anderen: Aufgrund ihrer langen Sultanstreue erhielt die Familie Ait al-Qa’id ihren Besitz zurück. Natürlich konnte das alte System der Qa’id-Herrschaft nicht in dem jungen Staat übernommen werden, aber Ehre und Ehre überhäuften sich und Si Ali konnte eines zufriedenen Todes sterben. Er hinterliess seinen Söhnen und Neffen 10 Kasbahs. Ein paar davon sind heute zerfallen, denn die Lebensdauer einer Kasbah ist - wenn man sie nicht fort-während erneuert und restauriert - kurz. Die meisten aber sind von den Nach-fahren der Erben bewohnt, darunter sind zwei, die man besichtigen kann. Die eine ist die „Originalkasbah“ in Tamnougalt, inzwischen fast 350 Jahre alt , die andere ist die Kasbah Asslim in Agdz. In ihr lebt ein Enkel von Si Ali, Si Ahmad mit Hassan, einem seiner Söhne und dessen Familie.

Der alte Mann lächelt mir zu und gebietet seinem Enkel, mir noch einmal Tee einzuschenken. Ob ich noch eine andere Geschichte hören möchte, die Ge-schichte vom furchtlosen Abdelkrim, der die Franzosen bekämpfte. Mir scheint, er muss beweisen, dass al-Glawi keine Brüder hatte. Ich nicke begeistert. Er zündet sich eine Zigarette an, nimmt einen Schluck des köstlichen Tees und beginnt...

Muriel Brunswig-Ibrahim