Fairuz, so sagt man im Nahen Osten, ist eine Perle, eine Nachtigall. Fairuz, so sagt man auch, soll man am Morgen hören. Denn wer Fairuz zum Frühstück hört, dem kann nichts mehr passieren....
Jeder kennt sie und jeder liebt sie. Taxifahrer, Bauarbeiter, Professoren und Direktoren. Wie ein Wunder kam sie über die arabische Welt. Wer so singt sie, kann nur eine Botschafterin der Sterne sein, fand der ägyptische Komponist und Starmusiker Muhammad Abd al-Wahab, und bringt damit das zum Ausdruck, was viele fühlen. Ihre Stimme ist unerschütterlich, unverwechselbar. Auch jetzt noch, mit ihren inzwischen über 70 Jahren klingt sie so, wie ihr Name sie beschreibt, denn Fairuz heißt auf Deutsch Türkis: Weich, samten und beständig, schillernd, aber nie blendend. Ihre Texte spiegeln das arabische Leben wider, in der sehnsuchtsvollen Traurigkeit vieler Lieder scheint das persönliche, aber auch das gesellschaftliche Leiden durch: Der Bürgerkrieg, die palästinensische Tragödie... Der palästinensische Schriftsteller Djabra Ibrahim Djabra erklärte einmal, dass Fairuz mit ihrem Gesang das gesamte Gefühlsleben der Araber ausdrücke und so erklärt sich auch ihr Erfolg.
Aufgewachsen ist Fairuz, die mit ihrem bürgerlichen Namen Nuhad Haddad heißt, in Beirut. Seit ihrer Kindheit sang sie auf Schulfesten und während der maronitischen Messe ihrer Gemeinde. Bis sie mit 14 Jahren entdeckt wurde. Von Asi Rahbani, ihrem späteren Ehemann. Dieser träumte von einer neuen Stimme, einer Stimme, die Modernität und Tradition in sich vereinen würde. Schon 1951 trat Fairuz, unterstützt von Rahbani, mit einer argentinischen Tango-Truppe auf, und aus dieser Zusammenarbeit entstand das arabische Tanzlied. Eine typische Fairuz-Spezialität, mit der sie die ländliche Tänze in den Städten hoffähig machte. Immer mehr vermischten sich westliche Klänge mit denen des Orients, Melodien aus der europäischen Klassik, wie z.B. die 25. Symphonie Mozarts in g-Moll, wurde für ihre Lieder verwandt. Dieses einmalige Gemisch aus Orient und Okzident, dieses Melange aus mediterranen Chansons, internationaler Tanzmusik, orientalischer Folklore und Klassik behielt Fairuz in allen ihren Alben bei. Und sie tut es bis heute. Ihre Qualitäten liegen dabei nicht in der Erneuerung. Was entscheidend ist, ist die Aura, die diese Musik umgibt, die Melodien, die direkt das Herz berühren. Zumindest das der Araber.

 

In Europa kennt man sie vor allem als Interpretin von Weihnachtsliedern, ihre Stimme ist aus Jean Rocheforts Film: „Der Mann der Friseuse“ bekannt. Selten nur tritt sie in Europa auf, und wenn, dann verstehen europäische Konzertgäste anfangs nicht immer, warum der Saal brodelt. Warum die meisten arabischen Konzertgäste Tränen in den Augen haben. Denn der Vorhang geht auf und sie steht steif da, wie eine Ikone, eine ferne schüchterne Göttin. Wer Fairuz nicht kennt, und sie nur so sieht, kann die Frau nicht mit dieser Stimme in Einklang bringen, die „jubeln kann und lobpreisen, fast in einem kosmischen Sinn“. Aber dann öffnet sie ihren Mund. Und singt. Und aus der wächsernen Maske kommen Klänge, die nahöstlichen Zuhörern Tränen in die Augen treiben, die sie zum Schluchzen bringen, die macht, dass sie zwischen den Stuhlreihen tanzen und mitsingen. Spätestens dann verstehen auch die, die Fairuz bisher nicht kannten, warum sich eine Botschafterin des Himmels nicht in Pose werfen muss, sondern einfach nur singt.

Muriel Brunswig-Ibrahim in: Syrien, Reise Know-How